SBB-SpK Zeitungsabteilung Westhafen

Ein ehemaliger Getreidespeicher des Berliner Westhafens beherbergt seit 1997 die umfangreichste Zeitungssammlung deutscher Bibliotheken. Von der Putlitzbrücke kann man die Hafenanlagen mit Gleisen, Speichern und Kränen überblicken. Danach schwenkt man rechts auf das Betriebsgelände ein und muss von nun an höllisch aufpassen, nicht von einem Sattelschlepper überfahren zu werden.
An der Rampe mit dem Hinweis „Zeitungsabteilung“ angekommen, erwartet den Leser ein weiteres Schild: „Am 13. September wegen Betriebsausflugs geschlossen“. Zum Glück ist heute erst der 7. – also hinein! Der Lesesaal ist weiträumig und trotz Werkhallenatmosphäre anheimelnd. Die Mitarbeiter sind sachkundig und freundlich, sie helfen auch beim Einlegen der Mikrofilme ins Lesegerät. Auffällig ist der hohe Promi-Faktor: Hier kann man Schriftsteller und Journalisten beim Recherchieren beobachten und sich fragen, an was sie wohl gerade arbeiten? Auch für Ablenkung anderer Art ist gesorgt, zahlreiche aktuelle regionale, überregionale und internationale Zeitungen laden zum Schmökern ein. Nachschlagewerke, Zeitungsbibliographien und -indices stehen bereit sowie ein Handapparat zur Medienwissenschaft und Pressegeschichte.
Die Lektüre der Berliner Morgenpost Juli-September 1918 auf Mikrofilm mit
Themen wie Spanische Grippe, Revolverattentat auf Lenin, kriegsmüde Belgier, Liebesheirat des rumänischen Kronprinzen, Zarenmord und Lebensmittelrationen macht schnell hungrig. Endlich Grund genug, die Hafenwirtschaft (früher Casino Westhafen, geöffnet 5.30 Uhr- ) aufzusuchen. Dieser ganze kulinarische Bibliotheksführer ist eigentlich nur die Konstruktion eines Alibis für bodenständige Landratten, diese Hafenkneipe zu betreten. Wider Erwarten trifft man dort aber nicht nur auf bärtige Seebären und tätowierte Fernfahrer in Muscelshirts, sondern auch auf Behala-Angestellte in Schlips und Kragen und Stabi-Bibliothekarinnen, die hier ihre Mittagspause verbringen. Eine Novität ist der lauschige Freisitz im Grünen. Zum Bestellen und Bezahlen geht man an den Tresen. Die Fassbrause (leider aus der Flasche, aber gut gekühlt) kann man gleich mitnehmen. Das Bauernfrühstück kommt wenige Minuten später lecker duftend, in Herbstlaubgelbtönen auf einem etwas zu kleinen Teller. Einzigster Zierrat ist eine halbe saure Gurke. Man könnte sagen „wie bei Muttern“ – Bauernfrühstück kann man so allerdings nicht selber machen! Auch das, was während der nächsten Viertelstunde so am Tisch vorbeigetragen wird, macht einen sehr guten Eindruck. Hier wird man für 5 ? satt, Getränk inbegriffen. Wem das noch zu teuer ist, der kann auf Brummi’s Imbiss

brummi

ein paar Schritte weiter ausweichen und sich zu biertrinkenden Bikern gesellen. Beim Vorbeifahren roch das Frittenfett aber so, als ob es eine Erneuerung vertragen könnte.
Literatur: Junge, komm bald wieder : Casino Westhafen in: taz Berlin lokal Nr. 6876 vom 12.10.2002, Seite 31

Zeitungsabteilung revisited August 2006:
Leider ist die Hafenwirtschaft umfangreichen Sanierungsarbeiten zum Opfer gefallen

hafentuerrampe

This article was written by leser

In früher Kindheit sah sie den Film "Brust oder Keule" mit Louis de Funès und strebt seitdem eine Laufbahn als Gastrokritikerin an. Die beruflichen Umwege dorthin nutzt sie für Alltagsbeobachtungen in der Mittagspause.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.